Milford Graves Full Mantis

Für den Wegbereiter des Free Jazz Milford Graves, der die Perkussion aus ihrer Rolle als bloße Taktgeberin zu befreien half, ist Musik weit mehr als ein Hörerlebnis. Sie berührt Physik, Chemie, Biologie, ja sogar Kosmologie. Jake Meginskys musikalisches Künstlerportrait führt auf Augenhöhe durch das vielschichtige Universum seines langjährigen Mentors.

Schauplätze sind Graves' „Weltgarten“ mit Pflanzen aus aller Welt, sein mit afrikanischen Masken, ägyptischen Statuen und anatomischen Modellen vollgestopftes Haus, sein Kampfkunststudio und schließlich sein Kellerlabor, wo er den menschlichen Herzschlag und dessen komplexe Beziehung zu Rhythmen erforscht – einen Steinwurf entfernt von den tristen Wohnblöcken seiner Kindheit im New Yorker Stadtteil Queens.

Meginskys Film ist Jazz in Bildern: Alles wird Rhythmus - Spinnennetze und Gräser im Wind, U-Bahnen auf ihren stählernen Stelzen, tieffliegende Flugzeuge, nicht zuletzt die hypnotische Sprechmelodie von Graves selbst. In den mitunter verblüffenden Bildfindungen, den präzisen Einblicken in Graves Kreativwerkstatt, den fließenden Wechseln zwischen Zeitebenen und den teils unveröffentlichten Konzertaufnahmen verschmelzen die Kunst und Graves’ Künstlerleben wie Rhythmus und Melodie in einer Komposition. Der Film dringt so zu den Wurzeln einer hochentwickelten Kunstform vor, die aus dem Zusammenprall afrikanischer Tradition und afroamerikanischer Erfahrung entstand.

(sh)

Jake Meginsky

Jake Meginsky (geboren 1978) ist Musiker und Filmemacher. Als Musiker und Komponist hat er mit außergewöhnlichen Künstlern zusammengearbeitet, unter anderem Alvin Lucier, Joan La Barbara, Thurston Moore. Seine Komposition für Welliver’s Beasts and Plots, die 2013 bei New York Live Arts Premiere feierte, gewann den New Music USA Live Music Award for Dance und wird 2018 im Guggenheim Museum in New York neu aufgeführt. Sein Solo Album „Seven Psychotropic Sinewave Palindromes“ wurde vom FACT Magazine als eines der besten 50 Alben im Jahr 2016 gelistet. Jake Meginskys Arbeiten wurden umfangreich und weltweit gezeigt und aufgeführt, unter anderem beim Click Festival (Kopenhagen), Standards (Mailand), im Duolun Museum für moderne Kunst (Shanghai), dem MIT Center for Art und vielen anderen. 2018 produzierte er den Film Milford Graves Full Mantis.