Bruce Conner's Crossroads and The Exploding Digital Inevitable by Ross Lipman

A Movie machte Bruce Conner 1958 als Pionier des unformatierten Dokumentarfilms berühmt. 1976 setzte er mit Crossroads einen neuen Maßstab für das, was aus einer unüberschaubaren Menge von Archivmaterial geschaffen werden kann. Der erste Unterwasser-Atombombentest auf dem Bikini Atoll im Juli 1946 gilt als das am umfassendsten fotografierte Ereignis in der Geschichte der Menschheit. In Conners Montage wird daraus eine der bis heute tiefgründigsten Meditationen über das nukleare Zeitalter. Gerade der Soundtrack mit seiner raffinierten Verbindung zu den Bildern ist entscheidend für das Erlebnis des erhabenen Schreckens, das sich beim Betrachten des Unbegreiflichen einstellt.
Crossroads ist nun in einer digital restaurierten Fassung zu sehen, an der Ross Lipman zehn Jahre gearbeitet hat. Der Dokumentarfilmer, Restaurator und Filmwissenschaftler integriert Conners Opus magnum in einen zweiteiligen „Live-Dokumentar-Essay“: durch Tondokumente, Archivmaterial und Interviews, u.a. mit den Komponisten Patrick Gleeson und Terry Riley, erzählt Lipman live die erstaunliche Produktionsgeschichte von Crossroads. Darüber hinaus belegt er auf unterhaltsame und stets überraschende Weise, welche Wirkungen die Atombombentests in der populären Kultur hinterließen. Seine tiefenscharfen Analysen zeigen, wie das Ungeheuerliche nach und nach ästhetisiert, banalisiert und damit auch für politisch-ideologische Zwecke „handhabbar“ gemacht wurde. Gerade in einer Zeit, wo der Einsatz von Nuklearwaffen von einzelnen weltpolitischen Akteuren wieder als reale Option ins Spiel gebracht wird, ist Lipmans Dokumentar-Essay ein wirksames Gegengift.

(sh)

Ross Lipman

Ross Lipman ist ein unabhängiger Filmemacher, Archivar und Essayist. Seine Arbeiten wurden weltweit gezeigt und von Museen und Institutionen wie unter anderem dem Academy Film Archive, den Anthology Film Archives und der Sammlung Götz in München gesammelt. Sein Film Notfilm (2015), wurde von ARTFORUM, SLATE und vielen anderen als einer der besten zehn Filme des Jahres ausgezeichnet und im darauffolgenden Jahr bei DOKUARTS gezeigt. In der Vergangenheit war Ross Lipman unter anderem als leitender Filmrestaurator des UCLA Film & Television Archive tätig. Zu seinen zahlreichen Restaurationsprojekten zählen Killer of Sheep von Charles Burnett, Kent Mackenzies The Exiles, der oscargekrönte Dokumentarfilm The Times of Harvey Milk sowie Werke von Charlie Chaplin, Orson Welles, Robert Altman und John Cassavetes. 2008 wurde er mit dem Heritage Award der Anthology Film Archives aus-gezeichnet. Seine Essays zu geschichtlichen, technischen und ästhetischen Aspekten des Films wurden in Artforum, Sight & Sound sowie in zahlreichen Lehrbüchern und Fachzeitschriften verö-ffentlicht. Zu seinen jüngsten Restaurationen zählen der Thom-Andersen-Film Eadweard Muybridge, Zoopraxographer und der Film Crossroads.