DOKUARTS
Zeughauskino Berlin
10.-27. Oktober 2019

Britta Hartmann

Britta Hartmann studierte Publizistik und Germanistik an der Freien Universität Berlin. Zwischen 1993 und 2001 war sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg. Sie lehrte u.a. an der Universität Leipzig, der Universität Zürich, der Universität Wien und an der „ZeLIG“, Schule für Dokumentarfilm, Fernsehen und Neue Medien in Bolzano/Bozen. Sie war Gastprofessorin für audiovisuelle Kommunikation an der Universität der Künste Berlin. 2008 promovierte sie an der Universität Utrecht mit einer Arbeit zur Textpragmatik und kognitiven Dramaturgie des Filmanfangs. Daneben veröffentlichte sie Aufsätze zu Filmtheorie und -analyse und war Mitherausgeberin und Redakteurin von „Montage AV. Zeitschrift für Theorie und Geschichte audiovisueller Kommunikation“. Seit 2009 ist sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt „Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland 1945 – 2005“. Im Wintersemester 2011/12 war Hartmann Gastprofessorin für Film- und Medientheorie an der Universität Wien, seit Wintersemester 2012/13 Vertretungsprofessorin an der Universität Bonn.

Im Modus des Zweifelns: Dokumentarische Rekonstruktion und Indizien-Befragung

Das dokumentarische Versprechen beruht wesentlich auf Zeugenschaft, auf Wirklichkeitsaussagen und der Beweiskraft von Bildern und Tönen. Doch Zeugen mögen sich irren oder eigene Agenden verfolgen und mit Hilfe von Bildern lassen sich auch wahrheitswidrige Behauptungen absichern. Die vermeintlichen Spiegel der Wirklichkeit geben diese nicht wieder. Der Vortrag zum Modus des Zweifelns kreist um solche dokumentarischen Projekte, die sich an Zeugenaussagen reiben und wie bei einer forensischen Untersuchung rekonstruktive Verfahren zum Nachvollzug und zur Überprüfung von Sachverhalten nutzen. Die Aufmerksamkeit richtet sich hier auf Details, Nuancen, die unter unterschiedlichen Perspektivierungen, dem Ansatz der Indizien-Befragung gleich, immer wieder neu und insistierend befragt werden. Versionen der Wirklichkeit werden so erschaffen und auf ihre Wahrscheinlichkeit getestet. Neben Formen, die auf Eindeutigkeit und Beweisführung zielen, treten solche, die sich eher tastend im Möglichkeitsraum bewegen. Der Vortrag schlägt den Bogen von Errol Morris’ wegbereitendem Dokumentarfilm The Thin Blue Line (1988) über Philip Scheffners Revision (2012) zum Installations- und Videoprojekt The Murder of Halit Yosgat (2017) der Londoner Rechercheagentur Forensic Architecture, mit dem diese die Ermordung eines Kasseler Internetcafé-Betreibers durch Mitglieder des NSU einer gründlichen systematischen Analyse unterziehen: ein zweifelndes, revisionistisches Re-Enactment des vorangegangenen Re-Enactments der Zeugenaussage eines verdeckten Ermittlers.