Doku Arts

DOKU.ARTS
Zeughauskino Berlin
06.–23.10.2016

The Ecstasy of Wilko Johnson

In den 1970er Jahren erlangte Wilko Johnson als Leadgitarrist der britischen Pub-Rock-Band Dr. Feelgood Berühmtheit. Bis heute lebt der Musiker, mittlerweile Ende sechzig und verwitwet, in der Region, in der er seine Kindheit und Jugend verbracht hat – einem abgelegenen Teil der Themsemündung, dem es gelungen ist, sich seinen Working-Class-Charakter zu bewahren.

Hier unternimmt Johnson seine täglichen Spaziergänge und erzählt vor der Kamera wortgewandt aus seinem ereignisreichen Leben. Gerade hat man sich auf einige interessante Anekdoten aus seiner Zeit als Rockstar eingestellt, als er aus heiterem Himmel eine vernichtende Diagnose erhält: Bauchspeicheldrüsenkrebs mit einer verbleibenden Lebenserwartung von zehn Monaten. Angesichts dieser Hiobsbotschaft erwartet man nun einen Wechsel zu einer nachdenklichen und melancholischen Tonlage.
Nachdenklich, ja – aber nicht melancholisch! Denn Johnson sieht seinem nahenden Ende mit einer beinahe euphorischen Heiterkeit entgegen. Dies ist die „Ekstase“, von der im Titel des Films die Rede ist. „Das Bewusstsein, dass der Tod unmittelbar bevorsteht, führt einem vor Augen, wie wunderbar es ist, lebendig zu sein“, erklärt er. Und dann wird ihm unerwartet ein Aufschub gewährt.

Der britische Filmemacher Julien Temple hat in seiner mehr als 30-jährigen Schaffenszeit eine beträchtliche Anzahl an Dokumentarfilmen über das Rockgenre gedreht, doch keins seiner Werke ist poetischer als dieses Porträt. Johnsons wundervolle Schilderungen sind mit gekonnt bearbeiteten Filmausschnitten durchsetzt, die das Dilemma des Musikers indirekt zu kommentieren scheinen. Auf diese Weise legen große europäische Filmemacher wie Cocteau, Tarkowski, Paradschanow, Bergman und Buñuel wohlwollend Zeugnis über Johnsons Schicksal ab.

(mlf)

Julien Temple

Der Dokumentarfilmer Julien Temple ist dem Publikum vor allem durch Werke wie The Filth and the Fury, The Future Is Unwritten – Joe Strummer, Oil City Confidential, Requiem to Detroit and London und The Modern Babylon bekannt. Sein auf Anhieb erkennbarer Stil, der sich durch Witz und Verständnis gleichermaßen auszeichnet, ist auf einzigartige Weise informativ, fesselnd und unterhaltsam.