Doku Arts

DOKU.ARTS
Zeughauskino Berlin
06.–23.10.2016

Kandahar Journals

Von 2006 bis 2010 dokumentierte Louie Palu als Fotograf den Krieg in Afghanistan. Auszüge aus den Tagebüchern, die er damals führte, bilden die erzählerische Grundlage zu den Kandahar Journals. Der Essayfilm handelt vom Scheitern daran, die Erfahrung des Krieges zu vermitteln. Dies wird schmerzhaft klar, wenn Palu zu Beginn des Films einen Selbstmordanschlag fotografisch zu fassen sucht. Es scheint unmöglich, dem Gegenstand einen Rahmen zu geben, unmöglich sogar, den Gegenstand selbst auszumachen. Das angesichts verstreuter Körperteile überdeutliche Problem ist für den Film zentral: Es fehlt ein Fokus, ein roter Faden, ein Zentrum. Folgerichtig ist auch die Erzählung diskontinuierlich in ihrem stetigen Wechsel zwischen dem Kriegsgeschehen und dem Alltag zu Hause in Toronto. Eine Brücke zwischen beiden Orten gibt es nicht. Den Filmemachern gelingt es, eine ganz eigene Sprache für diese Disparität zu finden. Es ist eine fragmentarische Sprache, deren Elemente – Gesichter, Staub, Warten, Atmen, Rennen, Explosionen, Vogelgesang – durch keine Grammatik zusammengehalten werden. Auch die stets präsente Natur und die sensible Musik Manuel Hidalgos fügen die Fragmente nicht zusammen, sondern heben ihre Disparität nur deutlicher hervor. Auf diese Weise macht der Film die Isolation Palus eindrucksvoll klar.
Susan Sontag schreibt: „Wir können uns nicht vorstellen, wie furchtbar, wie erschreckend der Krieg ist; und wie normal er wird. Können es nicht verstehen und können es uns nicht vorstellen. Jeder Soldat, jeder Journalist, jeder Mitarbeiter einer Hilfsorganisation, jeder unabhängige Beobachter, der eine Zeitlang unter Beschuss verbracht hat und das Glück hatte, dem Tod zu entkommen, der andere in seiner Nähe ereilte, denkt so und lässt sich nicht davon abbringen. Und sie haben Recht.“ In Palus eigenen Worten klingt das so: „Der Krieg ist eine persönliche Erfahrung.“

(ab)

Devin Gallagher

Devin Gallagher (Ko-Regisseur, Ko-Produzent) ist seit acht Jahren als Produzent für den öffentlich zugänglichen Fernsehsender Arlington Independent Media tätig und mit allen Aspekten von TV- und Filmproduktionen vertraut. Er hat an der Produktion von zahllosen TV-Sendungen, Dokumentationen und Nachrichtenprogrammen mitgewirkt. Sein erster unabhängig produzierter Dokumentarfilm Married in Spandex (50 Minuten, 2011) erzählt von der Liebesgeschichte eines jungen lesbischen Paares, das beschließt, von Philadelphia aus nach Ames in Iowa zu fahren, um dort zu heiraten. Der Film wurde bei mehreren großen Filmfestivals in den USA, Kanada und Europa gezeigt.

Louie Palu

Louie Palu (Ko-Regisseur, Produzent, Erzähler, Kameraleiter) ist seit 24 Jahren als Dokumentarfilmer tätig und wurde mehrfach für seine Arbeit ausgezeichnet. Er ist weithin bekannt für seine langfristig angelegten Projekte zu sozialpolitischen Themen. Zwischen 2006 und 2010 dokumentierte er den Krieg im afghanischen Kandahar anhand von mehreren Online-Filmen über den Konflikt. Seine Videos wurden in zahlreichen TV-Dokumentationen und Nachrichtenbeiträgen über den Krieg gezeigt. Dies ist sein erster Dokumentarfilm in Spielfilmlänge. Palu wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter mit dem Förderpreis des Pulitzer Center On Crisis Reporting.